“Nachhaltigkeit ist heutzutage notwendig”

IAROCHESKI

“Nachhaltigkeit ist heutzutage notwendig”

Liu Iarocheski nutzt mit seinem brasilianischen Label IAROCHESKI den Laufsteg als Mittel, politische und gesellschaftliche Probleme anzusprechen. Seit 2015 designt er für seine High-End-Linie Kleidungsstücke. Dabei lässt er sich vom aktuellen Zeitgeist inspirieren. Als Artist-in-Residence ist er Gast des Q21-Programmes im MQ, wo er im Zuge der MQ VIENNA FASHION WEEK.17 seine aktuelle Kollektion zeigt. Im Interview spricht der Designer über gesellschaftspolitische Missstände, nachhaltige Produktion und wie ihn Wien inspiriert.

Du bist Teil des Artist-In-Residence Programms in Wien. Was erwartest du von der Stadt? Wie denkst du, wird sie dich inspirieren?

2015 hatte ich bereits die Chance, Wien zu besuchen. Damals war ich einer der Finalisten beim RG Designer Award. Ich genieße, wie kulturell Wien ist – die Leute, die Geschichte und die luxuriöse Umgebung. Ich denke, inspiriert werde ich, indem ich eine Verbindung zwischen der noblen Atmosphäre Wiens und meinem brasilianischen Hintergrund ziehe. Als Inspirationsquelle habe ich mich schon mit der Verbindung der beiden Ländern auseinandergesetzt, die für mich von Maria Leopoldina, aus Österreich stammende Kaiserin von Brasilien, verkörpert.

Bei der Vancouver Fashion Week SS17 hast du mit deiner Kollektion “CHROMOPHOBIA” ein Statement gegen Homophobie und Xenophobie gesetzt. Woher kommt das Bedürfnis, solch starke Botschaften durch Kleidung zu vermitteln?

Ich habe einen sehr praxisorientierten Ansatz – der Ausgangspunkt meiner Kreationen ist immer der Stoff, also das Material an sich. Für den weiteren Designprozess lasse ich mich vom aktuellen Zeitgeist beeinflussen. Als ich für die Fashion Week in Vancouver die CHROMOPHOBIA-Kollektion zusammengestellt habe, ist mir aufgefallen, dass jedes Stück eine düstere Stimmung in sich trägt. Damals war die Flüchtlingskrise auf ihrem Höhepunkt und bildete gemeinsam mit dem homophoben Angriff im Pulse Nightclub in Orlando eines der Hauptthemen in der medialen Berichterstattung.
Als jemand, der Mode als künstlerisches Ausdrucksmittel sieht, ist für mich der Laufsteg die geeignete Platform, kritische Fragen in den Raum zu werfen und Leute in die Position einer Auseinandersetzung zu führen. Meine Arbeit, besonders die CHROMOPHOBIA-Kollektion, ist also ein Aufgreifen gesellschaftlicher Debatten und eine Reflexion des aktuellen Zeitgeistes.

Du würdest also sagen, die Medien haben einen Einfluss auf die Kleidung, die du designst. Woher nimmst du deine Inspiration noch? Gibt es Designer oder Künstler aus Brasilien, die deine Arbeit beeinflussen?

Ich würde sagen, Medien, Leute und Kunst bringen mir die größte Inspiration. Mir fällt es schwer, speziell Namen von Künstlern oder Designern zu nennen. Die Werke des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica haben seit meinem Abschluss einen Einfluss auf meine Herangehensweise beim Designen.

Obwohl in Brasilien eine politisch vergleichsweise liberale Haltung zur LGBTQ+-Community herrscht, haben Gewalttaten über das letzte Jahr drastisch zugenommen. Wie nimmst du die derzeitige Situation in Florianopolis wahr?

Allgemein stellt sich in Brasilien eine immer größere Offenheit gegenüber der LGBTQ+-Community ein. Vor allem durch bekannte Persönlichkeiten aus der Szene wie Pabllo Vittar. Trotz allem sind zum Beispiel transgender Leute in unserem Land vermehrt Opfer eines Vergehens. Der Macho-Stereotyp ist noch immer ein großes Thema in Brasiliens religiösen und leider häufig patriarchalen Kultur. Hinter verschlossen Türen versteckt sich eine große Bereitschaft zu homophoben Delikten. Verglichen zu kleineren Städten herrscht in einer weltoffenen, kosmopolitischen Stadt wie Florianopolis eine fortschrittliche Haltung. Und je mehr das Thema zur Sprache kommt desto besser.

Planst du, gleiche Rechte und Akzeptanz gegenüber der LGBTQ+-Community als Themen für die MQ VIENNA FASHION WEEK.17 einzuarbeiten?

Für die Vienna Fashion Week werde ich mich nicht direkt damit auseinandersetzen. Aber ich hinterfrage den gewohnten Blick darauf, wie sich ein Mann zu kleiden hat, indem ich Zerbrechlichkeit, Unschuld und Leichtigkeit in meinen Kleidungsstücken hervorbringe. Wichtig ist mir, dass sowohl Mann als auch Frau die Sachen tragen können, da unisex für mich die Zukunft der Mode darstellt. Die Inspiration für meine Kollektion würde ich weniger als „poetisch“ beschreiben. Die Grundidee kam mir während einer Meditation im Botanischen Garten und ich habe versucht, diese Art der Aufmerksamkeit auf jedes Stück zu übertragen. Momentan trägt die Kollektion daher den Namen: ONLY HERE, ONLY NOW.

Kommen wir zur Zukunft der Mode: Du erwähnst Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen als einen unabdingbaren Punkt für deine Arbeit. Welchen wichtigen nächsten Schritt müssen wir gehen, damit wir noch bessere Bedingungen schaffen können?

Ich denke, Nachhaltigkeit ist heutzutage unbedingt notwendig und der allgegenwärtig in meiner Arbeit. Der Kunde/die Kundin möchte kein Produkt mehr, das Kinderhänden entstammt und ein Resultat unfairer Arbeitsbedingungen ist. Die Leute fragen, woher ihre Kleidung kommt und wie sie gemacht wurde.
Ich möchte in näherer Zukunft sehen – und da spielt der Designer eine große Rolle –, dass Mode nicht mehr als ein Verbrauchsgegenstand wahrgenommen wird. Ich glaube nicht an Trends. Wenn etwas nach sechs Monaten so verschlissen ist, dass es nur noch weggeworfen werden kann, dann ist das für mich ein Zeichen von schlechtem Design. Nachhaltigkeit hat nichts mit der nächsten trendigen Frühlingsfarbe zu tun – das ist eine ganz neue Richtung für die Industrie. Der nächste große Schritt ist die Veränderung in der Denkweise über das, was wir besitzen. Wir werden beginnen, mehr über das Reparieren, Tauschen und Ausborgen unserer Kleidung nachzudenken und uns an DIY, Second Hand, Recycling halten.

In deinen vergangenen Arbeiten hast du dich sehr auf die Farbe schwarz konzentriert. Wieso?

Mir gefällt der zeitlose Aspekt, den die Farbe hat und wie sie den Fokus auf die Details und die Form eines Kleidungsstücks lenkt. Schwarz repräsentiert außerdem die intospektive Seite meiner Persönlichkeit. Ich bin jedoch nicht an diese Farbe gebunden. Ich bin sehr experimentierfreudig.

Kannst du dir vorstellen, einmal in vielen Ländern mit Shops vertreten zu sein?

Ich kann mir vorstellen, Geschäfte und Studios in verschiedenen Ländern zu haben, in denen ich lokal produzieren kann und wo mir talentierte Leute und genügend Ressourcen vor Ort zur Verfügung stehen. Meine Idee ist, den Fokus nicht nur auf meine Marke zu legen, sondern auch mit Leuten, denen ich auf meiner Reise begegne, zu kollaborieren und die Designs auf diese Weise zu bereichern.

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Kollektion “CHROMOPHOBIA”, © Mauri Cherobin

IAROCHESKI zeigt seine aktuelle Kollektion am 13.09.2017 um 22:00 Uhr. Tickets für die Show gibt es HIER.

Titelbild: © Mauri Cherobin

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