“Ich entwerfe keine seichte, liebliche oder gefällige Mode”

Isabel Vollrath

“Ich entwerfe keine seichte, liebliche oder gefällige Mode”

Für die Designerin Isabel Vollrath fungiert Mode nicht nur als typisches Kleidungsstück. Sie assoziiert damit sozialkritische und politische, aber auch kulturelle Reiseberichte, die sie mit ausdrucksstarken Silhouetten zur Geltung bringt. Ihre aktuelle Kollektion “Shakespeare in Love” besticht durch großzügige Volumina, verspielte Drapierungen, Schärpen, Schleifen und raffinierte Faltungen. Diese zeigt die Berlinerin nun bei ihrem zweiten Wien-Besuch im Zuge der MQ VIENNA FASHION WEEK.17. Ein Gespräch.

 

Ihre Kreationen stehen im Spannungsfeld von Mode und Kunst. Wie definieren Sie diese Spannung und ab wann ist Mode für Sie Kunst?

Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Freie Kunst studieren und Bildhauerin werden. Gleichzeitig war da diese Passion für die Mode und das Schneiderhandwerk. So entschied ich mich für drei Lehrjahre bei Herrenmaßschneider Gerhard Schmauder in Baden-Baden und lernte, aus Stoff eine “zweite Haut” für den Mann zu entwickeln. Im Grunde war das auch eine Art “Sculpting” und unverzichtbares Fundament für mein anschließendes Modestudium.

Ich bin in Berlin wahrscheinlich eine der wenigen DesignerInnen, die noch die komplette Musterkollektion selbst anfertigt. Ich verknüpfe dabei meine “Bildhauertätigkeit” mit dem technischen Know-how der Schneiderei und einem enorm hohen Anspruch an Präzision, betrachte mit dem Auge eines Künstlers und habe dennoch das nötige Maß an Funktionalität im Hinterkopf. Ich habe die Vision, kenne aber auch die Problemstellungen der Umsetzung.

Im Arbeitsprozess selbst habe ich die Aussage, ein Statement im Visier, eine Geschichte, eine Emotion – weniger aber das Ziel, Konsumenten des Massenmarktes anzusprechen. Den Großteil meiner Kollektionsstücke könnte man auch als Kunstobjekt an einen Nagel oder in einem Bilderrahmen an die Wand hängen statt in den Kleiderschrank. Sie funktionieren sowohl als Körper- als auch als Raumobjekt.

Meine Kollektionen werden immer Limited Edition bleiben. Nur so kann ich mir selbst treu bleiben und sowohl Mode als auch Kunst betreiben. Bevor ich an Eleganz denke, “tobe” ich mich aus. Im Experiment, in Formen, im Spiel mit Material und Schnitt. Mit der Neugier eines Kindes und dem “Flow” meiner Hände.

Im Moment entwerfen sie Damenkollektionen. Können Sie sich vorstellen auch eine Herrenkollektion zu entwerfen?

Mit Sicherheit kann ich mir vorstellen, eine Herrenkollektion zu entwerfen, allerdings würde ich den Mann höchstwahrscheinlich sehr klassisch kleiden und meine Aufmerksamkeit lediglich kleinen Details widmen. Aufgrund meines Temperaments und der Leidenschaft für skulpturale Silhouetten und raumgreifende Volumina fokussiere ich mich daher bislang auf DOB (Damenoberbekleidung). Ich fühle mich freier in der Formensprache.

Meist experimentiere ich im Entstehungsprozess am eigenen Körper und erfahre in der Bewegung meiner Arme und Beine wie der Stoff reagiert und welche Auswirkungen Faltenlegungen und Drapierungen haben. Ich ziehe dabei die Stücke immer wieder an und aus, drehe und wende sie. Manchmal sehe ich mich in meinem Atelier als performierende Designerin, die nicht nur Idee, Entwurf und Schnitt entwickelt, sondern zusätzlich mit dem eigenen Körper das Endergebnis bestimmt. Das ist ein sehr erfüllender Schaffensprozess.

Und doch gibt es in meinen Kollektionen auch androgyne Stücke, die gerade in der Bewegung sowohl am weiblichen als auch am männlichen Körper ihre Wirkung erzielen. Wie beispielsweise mein “berühmtes Ärmelhemd”. In meiner neuen Kollektion Spring/Summer 2018 “Skakespeare in Love” entstanden bewusst und unbewusst Teile für Sie und/oder Ihn.

Sie zeigen diese Kollektion bei der MQ VIENNA FASHION WEEK. Was darf man sich erwarten?

Die farbintensiven, poetischen, feminin-romantischen als auch androgynen Silhouetten zitieren Werke von Shakespeare. Zu sehen gibt es großzügige Volumina, verspielte Drapierungen, Schärpen, Schleifen und raffinierte Faltungen – in Kombination mit karierten Baumwollstoffen in Scharlachrot, Himmelblau, zartem Grün und Weiß, einem floral bestickten Seidenbrokat, Jeans und Tüll. All das verkündet brennende Leidenschaft und Melancholie, aber auch Eleganz, Witz und Humor. Wie es euch gefällt.

Isabel Vollrath

I’ VR ISABEL VOLLRATH Spring/Summer 2018 “Shakespeare in Love”, Shoes by Shoepassion , © Thomas Ternes

Sie schöpfen Ihre Inspiration oft aus persönlichen Erlebnissen, Literatur und vor allem auch aus Städtereisen. Wie lassen sich die Eigenschaften einer Stadt auf Kleidung übertragen?

Ein Volk, seine Charakterzüge, Leidenschaften und Gewohnheiten – die Architektur und Bauweise von Stadtvierteln, die Farben und Formen, die Struktur und Anordnung der Straßen und Häuser sind immer wieder Nährboden meiner Kollektionsarbeit. Meine Diplomkollektion habe ich der venezianischen Architektur gewidmet und dabei charakteristische Fensterbögen und farbintensive Palastfassaden im Siebdruckverfahren auf Stoffe gebracht, die anschließend in etlichen Faltungen und kuppelartigen Elementen zu einem damals sehr romantischen, beinahe kostümhaften Ensemble wurden.

Anschließend folgte etwas ganz anderes – die Meisterschülerkollektion “Lost and Found St. Petersburg”. Das erste Mal in Russland, mit minimalen Grundkenntnissen der Sprache, war zugegebenermaßen zu Beginn ein Kulturschock. So stellten u.a. ausgetanzte Ballettschuhe, Jute, Federn, Fahrradschläuche, recycelte Folie gebrauchter Postsäcke, schwere Mäntel mit folkloristischen Posamenten, aber auch ein “verlorenes Ärmelhemd” kurzgeschichtenartige Episoden und Eindrücke meines roughen, sechswöchigen, Aufenthalts in St. Petersburg dar.

Bei meiner letzten Winterkollektion 2017/2018 “Il Traghetto” griff ich wiederholt das Venedig-Thema auf und beschäftigte mich mit der Bauweise einer venezianischen Gondel. Meine Spring/Summer 2018 Kollektion heißt “Shakespeare in Love” und ist daher kein Stadtportrait. Dennoch wird man das “Englische” erkennen. Viele Karos, Denim und hohe Krägen.

Orientieren Sie sich auch an anderen DesignerInnen?

Jein. Natürlich gibt es DesignerInnen/Marken, der Vergangenheit und Gegenwart, die ich sehr verehre, deren Lebenswerk und Kreationen ich sehr schätze. Zum Beispiel die einer Coco Chanel, Vivienne Westwood, Rei Kawakubo, oder Iris van Herpen und die eines Yves Saint Laurent, Alexander McQueen oder Hussein Chalayan. Ich mag einen starken visuellen Ausdruck, Mut zu außergewöhnlichen Formen, Farben, Materialien und eine eigene Signatur mit Wiedererkennungswert.

Wenn ich allerdings bei einem anderen Designer, sozusagen einem “Kollegen” etwas sehe, was in irgendeiner Form eine Ähnlichkeit zu meinen Stücken haben könnte – denn manchmal gibt es ihn, den Zeitgeist, die Schwingung in der Luft – lenke ich sofort gegen, denke um und wandle ab. Oder beginne neu. Es ist so wichtig, dass wir Designer dem Modemarkt so unterschiedlich wie möglich begegnen. Nur auf diese Weise sind wir in der stilistischen Konkurrenz und in der Masse an Angeboten überlebensfähig.

Wie würden Sie Ihre Mode mit drei Worten beschreiben?

Experimentierfreudig. Authentisch. Kompromisslos.

Ihre Mode wird des Öfteren mit dem Bild der starken unabhängigen Frau konnotiert. Wie stehen Sie zum Feminismus?

Es ist offensichtlich. Ich entwerfe keine seichte, liebliche oder gefällige Mode. Durch meine Materialwahl und die skulpturale Designsprache entstehen aussagekräftige Stücke für die starke, unabhängige Frau. Mäntel, Jacken, Kleider haben prägnante Silhouetten und Akzente mit Wiedererkennungswert. Barocke, panzerartige Elemente stoßen auf avantgardistische, großzügige Volumina – körpernahe auf körperferne Formen. Ein Gegenspiel der Kräfte entsteht. Polarisierung. Ebbe und Flut.

Im Januar 2016 widmete ich eine ganze Kollektion starken Frauen der Geschichte. Jeder Look bekam den Namen einer bedeutenden Persönlichkeit, u.a. aus den Bereichen Politik, Kunst, Literatur und Naturwissenschaft. Ich war selbst als Kind so, dass ich alles alleine schaffen wollte – ohne Hilfe, unabhängig, furchtlos, eisern, diszipliniert. Wir Frauen haben etwas zu sagen. Schwäche ist da falsch am Platz! Here we are!

Worauf freuen Sie sich bei Ihrem Wien-Besuch?

Ich freue mich sehr, in der Stadt der “Sissi”, dem Spielort der Romy-Schneider-Filme und Ethan Hawk’s “Before Sunrise” mit soviel Geschichte und architektonischer, kultureller Schönheit meine Kollektion zu zeigen. Es ist eine große Ehre für mich und ich bin mir sicher, dass die “Wiener” meinen Shakespeare mögen werden :).

Ich bin schon sehr gespannt. Auch wenn die Reise mit dem Mietwagen und einer neuen, aufregenden Situation, fern vom bereits vertrauten Backstage-Team der Berliner Fashion Week, verbunden ist. Übrigens war ich im Jahr 2014 mit der Ballerinaschuh-Installation meiner Kollektion “Lost and Found St. Petersburg” Ausstellerin der kuratierten Schuhausstellung “Shoeting Stars” im Kunsthaus Wien. Insofern komme ich zum zweiten Mal in den Genuss, in Wien präsent zu sein.

Isabel Vollrath

Isabel Vollrath

I’ VR ISABEL VOLLRATH Spring/Summer 2018 “Shakespeare in Love”, Shoes by Shoepassion , © Thomas Ternes

Die Kollektion “Shakespeare in Love” zeigt Isabel Vollrath am 17.09. bei der MQ VIENNA FASHION WEEK.17 um 20:00 Uhr. Tickets gibt es HIER.

Titelbild: © Det Nissen

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WRITTEN BY:

Journalism & New Media Student I Editor I Vienna I Fashion & Culture Enthusiast

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